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Faulhaber

Das Elend in Trier hatte für mich auch einen Namen: Faulhaber. Armin Faulhaber, geschäftsführender Direktor des Trierer "Marx–Kompetenzzentrums", das wiederum von der Ferdinand-Lassalle-Stiftung betrieben wird. Die Schikanen fingen schon vor meiner Ankunft an. Was mich denn an der Zeit zwischen 1859 und 1864 so interessiere? Das sei doch schon alles so oft durchgearbeitet worden! Ich antwortete: Auf übertriebene Originalität komme es mir nicht an. Ich sei mir sicher, dass andere hier schon besser und grundlegender gearbeitet hätten. Ich wolle nur eine Doktorarbeit schreiben. Ein Teil dieser geplanten Arbeit beschäftige sich eben mit der Zeit zwischen der "Kritik der Politischen Ökonomie" und der Gründung der I. Internationale. Faulhaber wollte eine kommentierte Gliederung meiner Doktorarbeit sehen. Ich wusste, dass mein Erfolg von seinem Wohlwollen abhing, und schickte ihm die Gliederung. Faulhaber drehte jetzt erst richtig auf. Die Gliederung weise erhebliche Lücken auf. Er wolle mir nicht zu nahe treten, aber offensichtlich sei meine Beschäftigung mit dem Thema bisher höchst oberflächlich gewesen. Ob ich ihm die zentrale These meiner Arbeit in einem gesonderten Papier (ca. 10 Normseiten à 1800 Anschläge) noch einmal erklären könne? "Mit besten Grüßen, auch an Professor Rütting! – Faulhaber." Ich ging noch einmal zu Rütting in die Sprechstunde. "Muss Sie nicht ärgern", sagte der. "Faulhaber ist immer so." Ich schwieg vor Ärger. Denn ich hatte gehofft, mein Doktorvater würde sofort zum Telefonhörer greifen, um den Quatschkopf in Trier zusammenzustauchen. Meine unrealistischen Erwartungen an die Einsatzbereitschaft meiner Väter sind mir schon oft zum Problem geworden. "Wenn alles nichts hilft, rede ich nochmal selber mit ihm", schlug Rütting vor. Es klang wie: "Wenn alles nichts hilft, trinke ich auch einen Liter Essig", oder "Wenn Sie mich nötigen, laufe ich für Sie auch über glühende Kohlen." Bei so viel Enthusiasmus blieb mir nicht viel anderes übrig, als zu entgegnen: "Lassen Sie nur. Ich schreibe das Papier."

Am meisten ärgerte mich, dass ich bei der Ausarbeitung der zehn Seiten tatsächlich auf Aspekte kam, die mir vorher so nicht aufgefallen waren. Ich begann, an eine pädagogische Verschwörung Rüttings und Faulhabers zu denken. Dabei war der erste doch nur lethargisch und der zweite anal fixiert. Wie anal fixiert Faulhaber war, wurde mir erst klar, als ich in seinem Büro stand. Das Büro glich einem dieser Reinräume in der Computerindustrie. Etwas Unpersönlicheres und Sterileres war mir noch nie untergekommen. Angesichts dieses staub-, fleck- und korrosionsfreien Tal des Todes in den Farben hellbeige, mittelbeige und dunkelbeige durchzuckte mich heiße Sehnsucht nach Rüttings Göttinger Schmuddelbude. Ich saß kaum auf dem unbequemen Stuhl vor seinem Schreibtisch, da sagte Faulhaber: "Viel Hoffnung kann ich Ihnen nicht machen." Ich hätte am liebsten geantwortet: "Hoffnung ist nicht der Gegenstand meiner Doktorarbeit", meinte aber stattdessen: "Ich bin sicher, dass auch bescheidene Informationszuwächse meine Arbeit verbessern werden." Er blinzelte und nickte. "Das mag allerdings sein." Zweifellos ein Original, dachte ich und sah eine interessante Zeit in Trier voraus.

[aus: "Das Büro", in:
Nachtflug]


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Ich bin Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Meine
Biographie ist langweilig, mein Leben ist es nicht.


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Die Arbeit an Homepages habe ich immer sehr mühsam gefunden.