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Die Rede des Königs

Erst waren es nur wenige Insektoiden, die die Treppen hinaufstrebten, dann immer mehr, und sie sahen beim Klettern überhaupt nicht menschlich aus – eher wie ein Gemisch aus Baumwanzen und Gottesanbeterinnen, in leicht übermenschlicher Größe. Mehr und mehr der Insektoiden kamen hervor, bis sie eine ganze Seite der Pyramide bedeckten, dicht an dicht, von den untersten bis zu den obersten Rängen. Die Köpfe der obersten Insektoidenreihe befanden sich genau auf der Höhe von Chan Bahlums Sandalen, so dass es von unten aussehen musste, als stünde er auf ihren Schultern. Der König blickte über einen Teppich von Insektoiden hinab, der bis zur Basis der Pyramide reichte. Als auch der letzte Platz auf den Treppen der Pyramiden mit Insektoiden besetzt war, hoben sie alle wie ein Mann die Köpfe und schrien die untergehende Sonne an. Es klang nicht nach schreienden Menschen, sondern wie tausend gebündelte Sirenen. Als sie mit dem Geschrei aufhörten, war alles stumm. Die Insektoiden hatten die Menschen auf dem Platz, den Rest von Tikal, die ganze Welt niedergeschrieen. Nicht einmal Vogelgezwitscher war noch zu hören; ja sogar die Brüllaffen im nahen Urwald hielten die Luft an. Yaqui und Enrique konnten den König atmen hören.

„Volk von Tikal!“, sagte er, und der Schall drang in die fernste Ecke der Stadt. „Heute ist ein großer Tag. Es haben sich Dinge ereignet, die uns, die Mayas von Tikal, zum Handeln zwingen. Lange schon hat unser südlicher Rivale, Ah Chacaw von Nadz Caan, nach Mitteln und Wegen gesucht, uns zu vernichten. Es ist in ganz Maya-Iberien kein Geheimnis, dass die Eifersucht von Ah Chacaw ihn zu immer frecheren Provokationen gegen Tikal antreibt, und wie sich herausgestellt hat, schreckt er auch nicht mehr vor dem Mittel der hinterhältigen Sabotage zurück. Der Unfall im Tempel der Blattschneiderameisen, der uns an den Rand einer Katastrophe gebracht hat, ist untersucht worden, und wir wissen jetzt: Es war kein Unfall, sondern ein von langer Hand vorbereiteter Anschlag aus Nadz Caan!“

Das Volk am Fuß der Pyramide schnaubte und stöhnte auf, wie ein Tier aus tausend Leibern, das unsanft aus dem Schlaf geweckt wurde.

„Wir haben den Saboteur enttarnt, und unter der Befragung hat er seinen perfiden Plan, den er mit gewissenloser Grausamkeit ausgeführt hat, eingestanden. Er wird noch heute in Xibalbà den Totengöttern gegenübertreten.“

Das Volk jubelte.

„Aber das kann nicht alles sein. Das Maß ist voll. Um den ständigen Provokationen Ah Chacaws, seinen eifersüchtigen Intrigen und seiner unaufhörlichen Wühlerei gegen unsere ehrlichen Absichten endgültig einen Riegel vorzuschieben, habe ich beschlossen, ihm den Krieg zu erklären.“

Ein Aufseufzen ging durch die Menge, gefolgt von riesigem Jubel.

„Jawohl!“, brüllte Chan Bahlum in das Gebrüll der Masse hinein, „wir müssen Krieg gegen Nadz Caan führen, weil wir friedliebend sind, aber nicht feige. Wer uns lange genug reizt und unsere Wut provoziert, wird sie zu spüren bekommen, ob er gewappnet ist oder nicht. Die Zeit der Geduld ist zu Ende! Wir werden uns nicht in unserer Heimatstadt mit dem Tod bedrohen lassen, nur weil ein fremder Despot das so will! Krieg gegen Nadz Caan und seine heimtückischen Verbrechen! Krieg gegen die Unverschämtheit Ah Chacaws und gegen seine Versuche, Tikal zu unterjochen! Krieg!“

Der Jubel war ungeheuerlich. Es klang, als habe das Volk nur auf einen Knalleffekt wie diesen gewartet. Der gelangweilte Stillstand, der seit Jahrzehnten die Stadt regierte, würde ein Ende haben. Ein neues Spiel begann. Yaqui seufzte. Er bezweifelte, dass die Masse am Fuß der Pyramide die Regeln dieses Spiels begriffen hatte. Ein echter Nanokrieg war eine Weltneuheit, und abgesehen von Laborsimulationen hatte noch niemand die Auswirkungen eines solchen Krieges beobachten können. 90 % der Schreihälse dort unten, die ihrem unbesiegbaren König zujubelten, würden in einer Woche tot sein, wenn kein Wunder passierte.

Der König wollte mit seiner Rede fortfahren, aber er musste zweimal ansetzen, um den Lärm zu übertönen. „Die Götter“, brüllte er, „die Götter sind mit uns. Nicht nur dass die Venus, unser alter Kriegsstern, in einer günstigen Position steht.“

Yaqui fasste sich an die Stirn. Mit der Stellung der Venus hatten schon die klassischen Mayakönige vor 1800 Jahren ihre Kriege begründet. Und ausgerechnet heute Nacht würde die Venus lotrecht über der Tempelpyramide zu sehen sein, auf deren Spitze Chan Bahlum jetzt das Volk aufhetzte. Wie penibel das alles geplant war.

„Außer dem Spion und Saboteur aus Nadz Caan haben wir zwei weitere Feinde unseres Volks dingfest machen können.“

„Vernichtet sie!“, konnte man vom Fuß der Pyramide hören.

„Es betrübt und schmerzt mich immer noch, dass es einem Verräter jahrzehntelang gelungen ist, mein Vertrauen zu missbrauchen. Ich spreche von Ahau Yaqui, dem Oberhaupt unserer Zensurbehörde, der es in unsere Schicksalsstunde vorgezogen hat, verleumderische Gerüchte in Umlauf zu setzen, statt all seine Arbeitskraft dem Wohle Tikals nutzbar zu machen. Perfiderweise hat er seine Lügen mithilfe eines Notfallsystems verbreitet, das seiner Pflege und Obhut anvertraut war. Und wir haben Beweise, dass er es im Auftrag Nadz Caans getan hat!“

Ein Aufschrei ging durch die Menge. Aus dem trägen, im Schlaf aufgeschreckten Tier war ein rasender Bulle geworden, mit Stichen und roten Tüchern bis aufs Blut gereizt.

„Aber das ist noch nicht alles! Nicht nur Ahau Yaqui ist als ein Agent des Feindes entlarvt worden, das Schicksal hat uns auch einen Anführer der Terroristen in die Hände gespielt, die seit Jahren mit ihren feigen Anschlägen das Rückgrat unseres Staats und der ganzen mayanischen Gesellschaft zu treffen versuchen: Guerrero ist in unserer Gewalt!“

Jubel aus den Niederungen.

„Erinnert ihr euch an den Anschlag auf die Wasserpipeline vor zwei Wochen, dem ein ganzes Dorf und alle seine Bewohner zum Opfer gefallen sind? Den Plan zu diesem abscheulichen Verbrechen hat Guerrero ausgeheckt! Die Befragung hat es erwiesen! Und es sollte mich nicht wundern, wenn auch er und seine sogenannte FPLE im Dienst Ah Chacaws stünden.“

„Vernichten!“, hallte es von unten herauf. „Tötet Sie!“

„Aber die Gerechtigkeit siegt – manchmal langsam, wie bei Ahau Yaqui, manchmal schnell, wie bei Guerrero, der in einem Moment einen Massenmord plant, und im nächsten bereits erwischt wird. Beide werden noch heute beim Ballspiel sterben. Und die Gerechtigkeit wird den eigentlichen Drahtzieher all dieser Ungeheuerlichkeiten genauso treffen! Ah Chacaw soll zu spüren bekommen, was es heißt, uns zu bedrohen! Lange haben wir seine Infamie mit Geduld hingenommen, aber wir waren nicht so töricht darauf zu vertrauen, dass Nadz Caan eines Tages von selbst Ruhe gibt. Nein, wir haben uns angesichts der ständigen Nadelstiche Ah Chacaws und seiner Handlanger entschlossen, eine Streitmacht aufzubauen, die ihm die Stirn bieten kann. Die Soldaten, die ihr hier seht“, der König machte eine ausladende Geste über die Köpfe der Insektoiden hinweg, „sind Teil dieser Streitmacht. Sie verwendet neue Panzerungen, neue Waffen, neue Strategien.“

„Sie sind keine Menschen, das solltest du vielleicht auch noch erwähnen“, dachte Yaqui.

„Ihre Entschlossenheit ist unerbittlich, ihr Kampfesmut endlos, ihre Kräfte sind furchtbar. Mit ihrer Hilfe werden wir jeden Feind vernichten, der uns herausfordert. Verteidigen wir unsere Freiheit! Treten wir Anmaßung, Frechheit und Ehrlosigkeit, die sich gegen uns gewandt haben, in den Staub!“

Die Masse schrie, und die Insektoiden schrien mit. Es war ein tierisches Gebrüll, ein ohrenbetäubender, orgiastischer Schrei der Begeisterung, begleitet vom technoiden Sirenengeheul der Insektoiden.

„Die Zeit ist reif! Das Schicksal meint es gut mit uns, den Mayas von Tikal. Dieser Tag steht unter einem günstigen Stern, und einige unserer bittersten Feinde sind bereits in unserer Gewalt. Darüber hinaus hat sich der neue Maya-Codex, der auf uns gekommen ist, als echtes Dokument unserer Vorfahren erwiesen! Die katholische Kirche, die einst unsere Kultur hat vernichten wollen, hat uns den Codex überlassen, und wir sind nun in der Lage, das Wissen über die Kultur unserer Vorfahren zu erweitern. Es ist kein Zufall, dass dieser Codex nach Tikal gekommen ist, und nicht nach Nadz Caan, Bonampak oder Tulan Zuiva. Es ist ein Zeichen, dass die Götter uns auserwählt haben, die Maya-Kultur durch die Geschichte weiterzutragen. Wir sind die legitimen Erben des klassischen Mayatums! Auf uns ruht die Last der Geschichte, dieses Erbe zu erhalten! Nur die Kleingläubigen zweifeln daran, und nur Verräter wie Ah Chacaw wollen uns daran hindern, diesen Auftrag auszuführen! Unsere Feinde sagen: Niemand sollte in der Hierarchie der Mayastädte in Spanien eine herausragende Rolle spielen. Niemand sollte sich vordrängen. Dabei haben sie nur ein Ziel: Sie wollen sich selbst vordrängen und die Macht an sich reißen. Sie reden von Frieden und planen den Krieg. Sie schicken diplomatische Delegationen und begehen gleichzeitig die scheußlichsten Verbrechen. Sie grüßen uns wie Freunde, hecken aber hinter unserem Rücken Sabotage und Mord aus. Schluss damit! Ich sage: Ihr seid durchschaut! Eure Pläne sind erkannt, und wir haben uns vorbereitet! Ich sage: Für Tikal - gegen die Niedertracht!“

Der Jubel kannte jetzt keine Grenzen mehr. Die Priester schürten die Opferfeuer noch einmal, und dicke schwarze Rauchwolken stiegen zum Himmel. Gedankenfetzen wirbelten durch Yaquis Hirn. „Ich werde sterben“, dachte er. Minutenlang dauerte der dröhnende Jubel an, und Yaqui fürchtete bereits, taub zu werden. Enrique zog sich in die hinterste Ecke der Zelle zurück, mit fest auf die Ohren gepressten Händen, aber nirgendwo war es leiser.

[Aus:
Der Zensor]

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Ich bin Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Meine
Biographie ist langweilig, mein Leben ist es nicht.


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Die Arbeit an Homepages habe ich immer sehr mühsam gefunden.