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Codex

Die Glyphen auf dem mit Kalk bestrichenen Rindenpapier wirkten eindeutig archaischer als bei den bisher bekannten Codices. Wenn dieser Codex echt war, stammte er wahrscheinlich aus der klassischen Periode. Dazu enthielt er Abbildungen, die nirgendwo anders je gefunden worden waren.

Die zwölf kostbaren Seiten des Rindenfaltbuchs schwebten in der Luft, von Milliarden Nanoelementen getragen und umhüllt, sicherer als hinter meterdickem Stahl. Yaqui ging um den Codex herum und betrachtete ihn von allen Seiten. Konnte das wirklich sein? Konnte der Vatikan eine solche Kostbarkeit, die der Mayamythologie vielleicht sogar ganz neue Aspekte hinzufügte, über Jahrhunderte aufbewahrt haben, um sie dann, wenn es etwas mit den Nachfahren der Maya auszuhandeln gab, „zufällig“ zu entdecken? Hatte Diego de Landa vielleicht ein paar der Handschriften zur Seite geschafft, die sonst verbrannt worden wären? Zu Studienzwecken, oder aus reiner Habgier?

Yaqui löste sich von diesen Spekulationen und konzentrierte sich wieder auf den Codex selbst. Die Bilder, die er enthielt, waren verwirrend. Da gab es zum Beispiel Darstellungen der beiden Heldenzwillinge mit einem Krokodil, das Yaqui vorerst nur als das Weltenkrokodil Itzam Cab Ain interpretieren konnte. In einer anderen Szene, die ganz ohne Glyphen auskam, als verstehe sie sich von selbst, tanzten Hunahpuh und Ixbalanque mit Jaguarfellen geschmückt auf den Köpfen der vier Bacabes, die den Himmel trugen, damit er nicht auf die Erde herabfiel. Die Zwillinge spielten mit der Sonne Ball, über den Köpfen wütender Todesgötter in der Unterwelt Xibalbà. Etwas Ähnliches hatte er noch nie gesehen. Auf dem nächsten Blatt schossen sie mit ihren Blasrohren nicht nur Vucub Caquix, den arroganten Papageienhalbgott und Möchtegern-Weltherrscher aus seinem Lieblingsbaum, sondern auch einige Wesen, die wie Kreuzungen aus Fledermäusen und Vögeln aussahen.

Und die Glyphen! Manche wirkten seltsam verzerrt und verfremdet, wie durch den Einfluß anderer mittelamerikanischer Schriftsysteme. Manche dieser Glyphen konnte er nicht einmal lesen – er, der oberste Schreiber Tikals!

„Bemerkenswert, nicht wahr?“, sagte Don Rodriguez, doch Yaqui hob nur abwehrend die Hand. Er wollte von dem fetten Engel jetzt nicht gestört werden. Dieser Codex war unglaublich. Er wies Querverbindungen zwischen den bekannten Fragmenten der Mayamythologie auf oder schmückte sie in einer Weise aus, die jahrelange Forschung notwendig machen würde. Vorausgesetzt, er war echt.

Yaqui begutachtete noch einmal zwei Blätter, die er bis dahin nur überflogen hatte. Auf dem einen waren die beiden Heldenzwillinge zu einem einzigen Wesen verschmolzen, das, wenn er die Namensglyphen richtig las, Xumuc hieß, ein Gott war, und in unklarer Beziehung zu den zyklisch wiederkehrenden Weltenaltern der Mayamythologie stand. Entweder war Xumuc mit dem Mayakalender geschaffen worden, oder er hatte ihn geschaffen. In keinem Bericht, keinem Artefakt der klassischen Maya war je die Rede von einer Verschmelzung oder Vereinigung der Heldenzwillinge gewesen. Es war schlichtweg eine neue Welt, die sich hier auftat.

Und dann kam das Blatt, das ihn überzeugte. Hun Hunahpu, der Vater von Hunahpu und Ixbalanqué und gleichzeitig der Maisgott der Maya, wurde von seinen beiden Söhnen mit Obsidianmessern zerteilt; die Stücke seines Fleischs, die sich unter ihren Händen in Maiskolben verwandelten, wurden von ihnen zu kleinen Haufen aufgeschichtet; sein Blut tränkte den Boden. Als sich Yaqui diese Darstellung genauer ansah und sich ihren Symbolgehalt klar machte, wusste er, dass er es mit einem Meisterwerk zu tun hatte, einem Meisterwerk der Fälschung.

Die Christen hatten es nicht dabei belassen können, einen neuen Codex aus dem Hut zu zaubern, sie hatten auch versucht, eine Mayaversion der katholischen Transsubstantiationslehre hineinzuweben – als sei die Maisverehrung der Maya im Grunde dasselbe wie die Hostienschluckerei der Christen. Yaqui fühlte die Galle in sich aufsteigen. Da war schon sehr frech.

Mit der Enttäuschung über den Betrug quollen die Erinnerungen an den Vormittag in ihm hoch. Federica war noch keine fünf Stunden tot. Es hätte nicht viel gefehlt, und Tränen wären ihm in die Augen gestiegen. Ihm, dem obersten Zensor. Tränen der Wut und des Kummers zugleich.

Die ganze Runde sah ihn an. Don Rodriguez, Chan Bahlum, und Ahau Tepepul, der alte Speichellecker, der bei der ersten Untersuchung des Codexes in Tikal natürlich auch hatte dabei sein müssen. Sie erwarteten eine Aussage von ihm. Yaquis Votum würde Bedeutung haben. Er musste vorsichtig sein. Seit einiger Zeit konnte er das Machtgleichgewicht unter den Adligen nicht mehr so souverän einschätzen wie früher. Dass Tepepul hier anwesend war, der eigentlich mit dem Codex überhaupt nichts zu tun hatte, war ein unangenehmes Zeichen für seine Nähe zum Ahau. Das katastrophale Ende seiner Beziehung zu Federica hatte Yaqui geschwächt, ganz zu schweigen davon, dass er sich in Iztayub möglicherweise einen weiteren Günstling des Königs zum Feind gemacht hatte. Der Streit um die Echtheit des Codex Moskau hatte damals seinen Vorgänger den Kopf gekostet. Chamalcán hatte bis zuletzt behauptet, der Codex Moskau sei nicht authentisch, und er hatte sich damit mächtige Feinde gemacht, denn die populärste Lesart eines Teils des Codex betonte die Wichtigkeit des Adels für eine gute Staatsführung. Schließlich war Chan Bahlum gezwungen gewesen, Chamalcán abzusetzen und opfern zu lassen. In diesem Zusammenhang hatten die Adelsclans sogar ihre Abneigung gegen die Fledermauspriester vergessen.

Yaqui würde vorsichtig sein, obwohl er sicher war, dass der Vatikan den Maya Nanotikals eine extrem sorgfältige Fälschung unterschieben wollte. Wie immer lächelte Don Rodriguez, als Yaqui ihn ansah. Aber er blinzelte ein wenig zu oft mit den Augen.

„Er ist schön“, sagte Yaqui. „Sehr schön. Natürlich muss er noch einer viel eingehenderen Prüfung unterzogen werden. Ich bin vor allem auf die Meinung Wacah Chans gespannt.“

„Selbstverständlich“, sagte Don Rodriguez mit etwas bemühter Ruhe, „selbstverständlich. Andererseits hat der Heilige Stuhl seinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, die Verhandlungen zügig zum Abschluss zu bringen. Der Papst weiß sehr gut, wie viel Ihnen das Uitz-Kaan-Projekt bedeutet und möchte das christliche Interesse am Grab des heiligen Jakobus möglichst bald befriedigt sehen.“

Wacah Chan wird euren Schwindel innerhalb von Minuten in der Luft zerreißen, dachte Yaqui, und dann stirbst du, christliches Interesse hin, christliches Interesse her.

„Ist er echt?“, fragte Chan Bahlum direkt.

Wissenschaftlich bleiben, dachte Yaqui. Ich muss jetzt als Wissenschaftler auftreten.

„Das kann ich nicht sagen. Wacah Chan muss ihn untersuchen. Das Papier und die Pigmente der Farben müssen analysiert werden. Ich muss zugeben, dass ich einige der Glyphen noch nie gesehen habe, nicht einmal in ähnlicher oder variierter Form. Don Rodriguez“, fragte er leichthin, „weiß man eigentlich, wie der Codex in den Besitz des Vatikans gelangt ist?“

„Der Codex wurde in einem Bündel gefunden, das achtlos in einer wenig benutzten Ecke der Vatikanarchive verstaut war“, sagte Don Rodriguez.

Die Besenkammergeschichte also, dachte Yaqui. Die Archive des Vatikan waren sicher auf dem gleichen organisatorischen und technischen Stand wie die königlichen Archive Tikals. Es hätte Yaqui gewundert, wenn auch nur die Einkaufszettel eines Gegenpapstes nicht online verfügbar gewesen wären.

„Sie wissen“, fuhr Don Rodriguez jovial fort, „dass sich in so großen Bibliotheken in manchen Ecken einfach Staub sammelt. Da kann man machen, was man will. Es sieht tatsächlich so aus, als sei dieses Bündel seit dem sechzehnten Jahrhundert nicht mehr angerührt worden. Die Kordel, die darum herumgeschlungen war, löste sich auf, als man sie anfasste. Kurios! Eigentlich sollte der Archivbedienstete dafür bestraft werden, dass er ohne Anweisung an einem historischen Dokument herumhantiert hatte, aber als der Inhalt des Bündels untersucht wurde, fand man zur großen Überraschung aller den Codex. Aus den Dokumenten, die mit dem Codex in dem Bündel eingeschnürt waren, kann man schließen, dass ein Begleiter Diego de Landas, der ihn damals im Auftrag des Papstes ... nun ja ... überwachen sollte, diesen einen Codex vor der Verbrennung durch de Landa und seine Männer gerettet hat. Dieser Mann mit Namen Juan Gomez scheint den Codex einem Bericht beigefügt zu haben, der den Papst persönlich über die Aktivitäten de Landas auf dem laufenden halten sollte.“

Don Rodriguez machte eine Pause, aber sein Lächeln nicht.

„Zu meiner Bestürzung muss ich gestehen, dass Juan Gomez ein Eiferer gewesen ist. Er scheint de Landa in seiner Verbrennungs- und Verfolgungsaktion der Mayaliteratur für zu nachlässig gehalten zu haben, und er hat den schon angesengten Codex seinem Bericht nur beigelegt, um dem Papst ein Beispiel für das zu geben, was seiner Meinung nach härter verfolgt werden sollte.“

Ahau Tepepul wollte auch etwas beitragen.

„Das Bündel, von dem Sie sprechen – kann es auch untersucht werden?“

"Als ob dich das etwas anginge, du Schwätzer", dachte Yaqui. "Du kannst doch nicht einmal Rindenpapier von einer Plastikfolie unterscheiden."

„Selbstverständlich. Das Material befindet sich noch in dem Stasiscontainer, in dem auch der Codex selbst hierher transportiert wurde. Jedenfalls hat der Codex sechshundert Jahre in dem Bündel gesteckt. Alle Dokumente in diesem Bündel stammen unzweifelhaft aus derselben Zeit.“ Don Rodriguez löste seine gefalteten Hände voneinander, wie um deutlich zu machen: Das ist eigentlich alles, was es von mir aus dazu zu sagen gibt. „Ich will den Ergebnissen Ihrer eigenen Untersuchungen nicht vorgreifen, aber es würde mich sehr wundern, wenn nach einer eingehenden Prüfung des Codex und seiner Begleitmaterialien ein Zweifel an seiner Echtheit zurückbliebe.“

Aber sicher, dachte Yaqui. „Wo, sagten Sie, hat dieser Juan Gomez den Codex aus dem Feuer gezogen?“

„Wenn man die Ungenauigkeit der damaligen Kartierungsmethoden und der Aufzeichnungen von Reisenden allgemein in Betracht zieht, ist es kein Wunder, dass sich das heute nicht mehr so genau sagen läßt. Gomez spricht von einem Ort einige Dutzend Kilometer westlich von einer größeren Stadt, die nach allen vernünftigen Erwägungen eigentlich nur Chiapa de Corzo sein kann.“

Schlau, dachte Yaqui. An einem solchen Ort wären kulturelle Einflüsse, wie sie in diesem Machwerk suggeriert wurden, am wahrscheinlichsten. In jener Gegend hatten sich über die Jahrhunderte hinweg alle möglichen Kulturen ein Stelldichein gegeben, und wenn der Codex echt gewesen wäre, hätte er auch glaubhaft ein Spiegel dieser unterschiedlichen Einflüsse sein können. Yaquis Intuition arbeitete auf Hochtouren. In diesem Augenblick wusste er mit absoluter Gewissheit, dass Don Rodriguez nicht nur der Überbringer der Fälschung war, sondern auch ihre Herstellung überwacht oder sogar direkt an ihr mitgearbeitet hatte. Dass sie für echt gehalten wurde, war ihm so wichtig, dass er sein Leben dafür aufs Spiel setzte.

Chan Bahlum hatte seinen Blick auf den Codex geheftet. Er ließ die sechs Finger seiner Hand in die Wolke aus Nanoelementen eintauchen, die den Codex abschirmten und fuhr über den Rindenpapierblättern hin und her, als wolle er sie aus der Entfernung streicheln.

„Ich danke euch für eure Bemühungen“, sagte er. „Wir werden den Codex eingehend prüfen, und zu einem eindeutigen Schluss kommen. Ihr könnt euch zurückziehen.“

Die Tür glitt zur Seite, und Don Rodriguez verließ mit Tepepul die Kammer.

„Du bleibst hier, Yaqui“, sagte der König, und zog seine Hand aus der Nanowolke. „Ich möchte dir etwas erzählen.“

Folgsam setzte sich Yaqui auf die Steinbank, die den ganzen Raum wie ein Mauerabsatz umlief.

„Ich höre, mein König“, sagte er.

„Tohil pflegte mit seinen Gefährten Hacavitz und Avilix zu baden“, begann Chan Bahlum. „Sie nahmen dabei die Gestalt von drei Jünglingen an und badeten immer an derselben Stelle. Die Stämme, deren Söhne und Töchter von den Cavec-Quiché für Tohil, Hacavitz und Avilix geraubt und geopfert wurden, sannen auf Rache. 'Wie können wir Tohil und seine Gefährten umbringen, damit er nicht mehr unsere Söhne und Töchter frisst?', fragten sie sich. Und schließlich schmiedeten sie einen Plan. Sie suchten drei schöne Mädchen aus, um die drei Götter zu verführen und in eine Falle zu locken. Um zu beweisen, dass die Götter ihnen beigelegen hatten, sollten sie von den Göttern Geschenke fordern und nach Hause bringen. Und die drei Mädchen gingen zu der Stelle am Fluß, wo die drei Götter in Menschengestalt zu baden pflegten. Sofort wurden sie von den drei Göttern streng befragt. „Was wollt ihr hier?“, fragten die Götter. „Warum stört ihr uns beim Bad?“ Die drei Mädchen bekamen es mit der Angst und gestanden, dass sie die Götter verführen sollten. Tohil sagte: „Ihr sollt uns verführen und euren Herren einen Beweis dafür bringen, dass ihr erfolgreich wart? Wir werden euch Beweise dafür geben, dass ihr uns verführt habt.“

Chan Bahlum machte ein Pause, und sah Yaqui mit seinen undurchdringlichen Augen an. Yaqui hörte wie so oft im Gespräch mit seinem König einfach nur zu und wartete ab.

„Und Tohil sagte zu Waldjaguar, Nachtjaguar und Nachtherr, sie sollten drei Mäntel machen, mir ihren Wahrzeichen darauf, und sie den Mädchen mitgeben, auf dass sie sie nach Hause mitnähmen. Balam Quitzé, Balam Acab und Mahucutah machten sich an die Arbeit. Die drei Mäntel trugen die drei Wahrzeichen: den Adler, die Biene und den Jaguar. Der Mantel, den Balam Acab gemacht hatte, trug aber nicht nur eine Biene als Wahrzeichen, sondern war ganz mit Bienen und Wespen ausgefüllt. Die drei Mädchen nahmen die Mäntel mit und zeigten sie ihren Herren und dem Stammesfürsten. Die Mäntel waren so schön, daß der Stammesfürst nicht widerstehen konnte, sie umzutun. Er legte den Adlermantel um, und der Adlermantel kleidete ihn wie einen König. Er legte den Jaguarmantel um, und der Stolz des Jaguars erfüllte den Stammesfürsten. Er zeigte sein steifes Geschlecht vor aller Augen. Er legte den Bienenmantel an, und die Bienen und Wespen fielen über ihn her und stachen ihn so lange, bis er tot war. Das war die endgültige Niederlage für ihn und seinen Stamm. Er hatte Tohil, Hacavitz und Avilix täuschen wollen, aber er war jämmerlich gescheitert.“

Yaqui war jetzt vollkommen klar, dass Chan Bahlum ihm seine Missbilligung über die Beziehung zu Federica ausdrückte. Yaqui spürte die Lust zum Widerspruch in sich aufkeimen. "Mich trifft keine Schuld", wollte er sagen, "viele Ahaus haben spanische Freundinnen. Ich konnte nicht ahnen, dass ein Irrer auf die Idee kommen würde, mich bei Federica anzugreifen." Er schwieg.

„Du sollst keine Bienenmäntel umlegen“, sagte Chan Bahlum. „Du sollst sie anfertigen und verschenken.“

Yaqui nickte gehorsam.

„Jetzt kannst du gehen“, sagte Chan Bahlum, und Yaqui verneigte sich.

[Aus:
Der Zensor]


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Ich bin Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Meine
Biographie ist langweilig, mein Leben ist es nicht.


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Die Arbeit an Homepages habe ich immer sehr mühsam gefunden.