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Sperrgebiet

Die Schwärze des Alls machte ihn immer noch fertig. Er war auf Yttrium geboren und hatte nie einen Himmel von anderer Farbe gesehen, aber wann immer die schiere Dunkelheit des Weltraums auf ihn wirkte, ihn einzusaugen, aus der Sicherheit Yttriums oder seines Springers herauszulocken schien, nahm sie ihm den Atem. Und auch jetzt wieder, während er mit seinem Springer Kurs auf das Sperrgebiet hielt, standen für ein paar Sekunden all seine Nackenhaare aufrecht, als über dem gleißenden Rand der Raumstation das dunkle Nichts aufging. Sterne sah er keine; die viel zu helle Raumstation machte sie für seine Augen zunächst unsichtbar. Sylvain riss sich zusammen. Er war nicht auf einer Ausflugstour und er gehörte auch nicht zu den Sektenspinnern von der „Großen Einheit“, die sich manchmal nur im Raumanzug aus der Station herauswagten, um nie mehr zurückzukehren. Sylvain war dabei, etwas Verbotenes zu tun. Und wenn er eines bei seinen verbotenen Unternehmungen bisher gelernt hatte, dann dies: Beim Brechen der Gesetze muss man sich konzentrieren. Er hatte schon einige gebrochen. Hauptsächlich solche, die mit der Benutzung seines Computers und des Stationsnetzwerks zu tun hatten. Aber an das Sperrgebiet hatte er sich bis jetzt nicht heranhacken können. Das machte ihn sauer. Weil er nicht an die Daten herankam, die ihm etwas über dieses Sperrgebiet hätten erzählen können, musste er wohl selbst nachsehen, was es damit auf sich hatte. Schweißgeruch erfüllte die winzige Kabine des Springers. Auf dem Bildschirm, der zeigte, was die Heckkameras sahen, rollte eine riesige gelbe Scheibe unter Yttrium hinweg: Yardang, der gelbe Planet, die Pestbeule. Seine Abstandssensoren schlugen Alarm. Er war der Station zu nahe gekommen. Der Navistent bat ihn dringend darum, die Steuerung wieder übernehmen zu dürfen. Sylvain lehnte ab. Der Navistent würde ihn nie zum Sperrgebiet fliegen, das musste er schon selber tun. Und er musste sich konzentrieren. Wenn er in die Station krachte, konnte ihm niemand mehr helfen. Dann würde er schnell die große Einheit erleben, ohne überhaupt Mitglied bei den Sektenspinnern zu sein.

(Aus:
Yardang)

Lesung aus Yardang in Köln (Video, 2013)

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Ich bin Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Meine
Biographie ist langweilig, mein Leben ist es nicht.


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Die Arbeit an Homepages habe ich immer sehr mühsam gefunden.