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Besuch bei Zygmunt

Trolle waren eigentlich nichts anderes als ein Fehler. In den Online-Rollenspielen der Vergangenheit waren sie stupide, relativ leicht zu besiegende Gegner gewesen, die man mit ein wenig List oder viel Gewalteinsatz zu bekämpfen hatte. Als aus dem Netz das Dorf entstanden war, hatten sich einige Witzbolde mit guten Programmierfähigkeiten zum Ziel gesetzt, die Trolle zu befreien, und hatten den immer komplexeren Rollenspielen und damit auch dem Dorf semi-intelligente, muations- und begrenzt lernfähige Troll-Exemplare untergeschoben, die nicht mehr wie die Elefanten im Porzellanladen handelten, sondern ihren Daseinszweck hauptsächlich darin sahen, andere Spieler und Dorfbewohner zu beschützen, vor was auch immer. Die Hacker der Troll-Befreiungs-Front waren schon lange abgetaucht, aber ihre Produkte wanderten fröhlich durch das Dorf, auf der Suche nach Schützlingen. Wer sich einen Troll einfing, der konnte im Extremfall mit lebenslangem Schutz rechnen, auch wenn er gar keinen brauchte, denn hartnäckig waren die Trolle alle. Und Azureus, der jetzt gerade Schwierigkeiten mit dem Geradeauslaufen hatte und auf dem Nachhauseweg öfter Mülltonnen, Autos und Hauswände streifte, wurde nun also von einem dieser unerwünschten Beschützer beschützt. Aber da war was mächtig faul. Pygmalion machte seinen Job zu gut. Er hatte Azureus ausgeloggt, obwohl das Dorf in dieser Hinsicht offenbar blockiert gewesen war. Ein Troll, der seinen Schützling nach Belieben ausloggen konnte – das war ein astreiner Alptraum, vor allem, wenn der Schützling ein Scout war. Als Scout war man darauf angewiesen, Orte und Plätze im Dorf zu besuchen, die andere für gefährlich hielten, besonders Beschützer-Trolle der aggressiveren Sorte. Azureus beschloss nachzuforschen, ob die Troll-Befreiungsfront wieder aufgetaucht war.

Er musste sich eine Verkleidung besorgen. Mit wechselnden Identitäten hatte Azureus an sich keine Probleme, aber er wollte auf Nummer sicher gehen, und wählte daher ein Outfit, das irgendwo zwischen "Verwaltungsangestellter" und "Zivilpolizist" lag. Sowas streifte er normalerweise nicht einmal im Traum über, und niemand im Dorf kannte ihn so. Zusätzlich war die Tarnung von allen Spuren seiner wahren Identität als Scout Azureus tiefengereinigt, so steril wie frisch programmiert. Das behauptete jedenfalls die Herstellerfirma "Subconscious Art". Im kurzen Flur seiner kleinen und dunklen Dorfwohnung stehend betrachtete er sich selbst im Spiegel. So ein Anzug machte doch immer noch was her. Pygmalion würde ihn so auf keinen Fall erkennen, und ein bisschen Autorität auszustrahlen, konnte für sein Unterfangen sehr nützlich sein. Azureus ging Zygmunt besuchen.

Zygmunt ließ ihn warten. Der Datenalchimist war anscheinend gerade mit einem schwierigen Fall beschäftigt und hatte zunächst keine Zeit für einen unangemeldeten Kunden. Zygmunt stand vor seiner blau erleuchteten Laborbank und hatte Azureus den Rücken zugedreht, so dass der nur mühsam ein paar Blicke auf das erhaschte, was der Datenalchimist da trieb. In jedem Fall schien Zygmunt mit Fisselkram beschäftigt – ein kleines zuckendes Stück Fleisch, das in dem blauen Licht besonders abstoßend aussah, wollte offenbar nicht in der Petrischale bleiben, die Zygmunt für es vorgesehen hatte. Erst, als der Alchimist einen luftdurchlässigen Deckel auf die Schale gesetzt und das Ganze mit einer Art überdimensionierten Wäscheklammer fixiert hatte, schien sich die Lage zu beruhigen. Azureus wusste, was das zu bedeuten hatte. Zygmunt hatte ein winziges Stück Information – Code, Überreste einer kaputten Datenbank, kaum noch lesbare Adressdateien – in eine informationelle Nährlösung gesteckt, was eventuell dazu führen konnte, dass die fehlenden Stücke wiederhergestellt wurden. Manchmal funktionierte das, manchmal nicht. Azureus war nicht sehr optimistisch: Wenn die Reste, wie im aktuellen Fall, kaum mit der Nährlösung kompatibel waren, dann gab es meistens wenig Hoffnung.

Zygmunt drehte sich um und verschränkte seine Arme vor der Brust. Azureus wusste nicht viel über Zygmunt – niemand schien viel über ihn zu wissen – aber es galt als sicher, dass er noch ziemlich jung war. Sein altes, verwittertes und weises Magiergesicht trug er wahrscheinlich aus geschäftlichen Gründen.

"Und womit kann ich Ihnen wohl helfen?"

"Trolle", sagte Azureus geradeheraus. "Ich interessiere mich für Trolle."

"Was soll an denen schon interessant sein?"

"Man hört in letzter Zeit so komische Sachen."

Er machte eine Pause, um Zygmunt die Gelegenheit zum Einhaken zu geben. Zygmunt hakte nicht ein. Er trommelte stattdessen mit den Fingern seiner rechten Hand auf seinem linken Oberarm.

"Trolle, die sich nicht verhalten, wie man es kennt. Die Schützlinge bedrohen. Die kreuz und quer Sachen zerdeppern. Überfälle durch kleine Trollbanden. Alles untypisch und unerfreulich."

"Ich weiß nicht, was das mit diesen Trollen auf einmal ist. Sie sind heute schon der Zweite, der mich nach irgendwelchen Troll-Besonderheiten fragt."

"Ach ja?" Das war ja interessant. "Und wer war der Andere, wenn ich fragen darf?"

"Fragen dürfen Sie, Antwort kriegen Sie aber keine von mir. Nur den gleichen Tipp, den ich dem Trollfreund von heute Morgen gegeben hab: Faux Contact."

Azureus kannte Zygmunt immerhin gut genug, um zu wissen, dass er an diesem Punkt weder mit Drohungen noch mit Bestechung weiterkommen würde. Fürs Erste musste er sich mit der Information begnügen, dass sich aktuell noch andere Leute für außer Kontrolle geratene Trolle interessierten.

"Vielen Dank. Ich glaube, Sie haben mir geholfen."

"Na, wenn das so ist", sagte Zygmunt, "dann schulden Sie mir jetzt fünf Réal. Kontonummer kennen Sie ja. Guten Tag."

Dann drehte er sich um und widmete sich seiner Petrischale, in der es wieder rumorte. Azureus grinste den Rücken des Datenalchimisten an. "Schon ok, Zygmunt", dachte er. "Mein Ding sind Zivilbullen auch nicht."

Draußen ging bereits die Sonne unter. Das unauffällige Schild, mit dem Zygmunt seine Dienste anpries ("Zygmunt Plajewski, Datenarchäologie und -alchimie") war kaum noch zu lesen. Azureus erschrak, als er um seine Füße drei, vier der Fehlratten herumwuseln sah, die gerne im Zusammenhang mit Schaumausbrüchen beobachtet wurden. Aber es gab weder einen Alarm noch ein anderes Anzeichen für Schaum. Azureus konzentrierte sich auf den Faux Contact.

[Aus:
Azureus & Pygmalion]

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Ich bin Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Meine
Biographie ist langweilig, mein Leben ist es nicht.


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Die Arbeit an Homepages habe ich immer sehr mühsam gefunden.