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Gedankenwetter

Es war alles so schnell gegangen: die Kapuze über ihrem Kopf, zwei kräftige Hände auf ihren Schultern, ein leichter Druck in ihre Kniekehlen, und sie sank, wurde aufgefangen, hingesetzt. Dann hatte ihr Herz zu rasen begonnen. Dann war ihr der Angstschweiß ausgebrochen, dann waren ihr die ersten Gedanken an Kampf oder Flucht gekommen – an das CS-Gas in ihrer Handtasche. Alles umsonst. Sie waren unterwegs. Sie war verloren. Der Wagen schnurrte leise und teuer vor sich hin, der Fahrstil des Chauffeurs ließ keinerlei Aufregung erkennen - und was sagte die Frauenstimme da von vorne? "Haben Sie keine Angst. Ihnen passiert nichts." Das war eine sehr kultivierte Entführung.

Später kamen die Fragen nach ihrem Wohlbefinden.

"Haben Sie Hunger oder Durst? Müssen Sie austreten?"

"Wenn Sie mich vielleicht einfach wieder freilassen? Ich sage niemand was. Auch der Polizei nicht. Versprochen."

Darauf bekam sie nicht einmal eine Antwort. Sie hatte keine erwartet, aber vielleicht eine Reaktion, die ihr mehr über ihre Gastgeber verriet. Ihre Gastgeber verrieten sich nicht.

Das Zeitgefühl war schnell weg. Kein Autoradio, in dem zufällig die Nachrichten liefen. Kein Uhrenticken. Nichts, was ihr einen Maßstab an die Hand gegeben hätte. Wenn sich ihre Entführer miteinander verständigten, dann ohne Schall. Der Wagen rauschte leise und zuverlässig vor sich hin. Die Männer rechts und links von ihr (dass es Männer waren, daran zweifelte sie nicht) verlagerten ab und zu ihr Gewicht. Sonst nichts. Keine Geräusche von irgendwelcher Bordelektronik. Kein Verpackungsgeraschel. Nichts. Ob sie wohl doch irgendwelche Bedürfnisse simulieren sollte, um sich vielleicht eine Chance zu Kampf oder Flucht zu erschwindeln? "Ach, Magda", dachte sie bei sich selbst, "hör doch mit diesem Geheimdienst-Unsinn auf." Die Leute, in deren Gewalt sie war, kannten sich mit so was wirklich aus. Sie - hatte ein paar Filme gesehen.

Aber was hieß schon Gewalt? Eigentlich tat ihr niemand etwas an. Bisher war sie eher geleitet als entführt worden, und auch als der Wagen endlich anhielt, und sie, immer noch blind, durch eine Art Tiefgarage gelenkt wurde (ihre Schritte hallten unverwechselbar durch die große unterirdische Betonarchitektur), fühlte sie sich nicht eigentlich bedroht. Dann kam der Aufzug – der Magen sank ihr so schnell in die Knie, das ihr ein wenig schwindelig wurde. Sie hatte noch kaum den Begriff "Schwindel" gedacht, als sie jemand stützte. Fallen wäre unmöglich gewesen. Die ganze Aufmerksamkeit galt ihr. Man hätte fast von Zärtlichkeit sprechen können.

Sie wurde in einen Raum geführt, der nicht groß genug für ein Echo war – oder man hatte ihn schallisoliert, eins von beiden. Sie dachte daran aufzustehen, nur um nicht passiv sitzen zu bleiben, wo man sie hingesetzt hatte. Sie ließ es dann bleiben.

"Zuallererst muss ich mich bei Ihnen entschuldigen, Frau Strehm. Die Art, wie Sie hierher geführt wurden, ist illegal und unmoralisch. Aber sie war trotzdem nötig."

"Wer sind Sie?"

"Ich wünschte, ich dürfte Ihnen das sagen. Aber hier geht es um etwas anderes. Es geht um Ihre Fähigkeiten."

Sie wartete ab. Vielleicht würde sie ja doch nicht ermordet werden.

"Frau Strehm, Sie waren recht diskret und … ehrgeizarm, aber es ist uns doch aufgefallen. Sie spielen auf einem erstaunlich hohen Niveau Schach. Und Go. Und – ich nehme an, zur Entspannung – Backgammon. Und was weiß ich noch alles. Keine offiziellen Turniere, bleibt alles Privatsache. Aber letztlich sind Sie doch als Trainingspartnerin mittlerweile ein Geheimtip. Für Großmeister und Vollprofis. Ganz nebenbei sind Sie alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Und berufstätig. Wir würden gerne wissen, wie Sie das machen. Im Detail, wenn möglich."

Magda dachte nach.

[Aus: Gedankenwetter, in:
Kabeiroi]


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Ich bin Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Meine
Biographie ist langweilig, mein Leben ist es nicht.


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Die Arbeit an Homepages habe ich immer sehr mühsam gefunden.