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Differential

Der Sommer ist früh gekommen, und die Garagentore öffnen sich bereitwillig. Heraus rollen die Mercedesse. Alle Modelle von 1949 bis 1963, in Farben, wie sie es nur damals gab, also Rot, Grün, Grau, Weiß, Creme, jeweils in hitzegetöntem Schiefer. In jedem Mercedes sitzt ein Konrad Adenauer am Steuer, der endlich fahren gelernt hat. „Jeben Sie Jas“, sagt er öfter und meint damit folgerichtig sich selbst, wozu die beiden Chauffeure, die im Fond sitzen, verschämt lachen. Über dem Chrom, über dem Schiefergrau, dem Schieferrot und dem Schieferweiß wabert die Hitze vergangener Sommer, und das ist gut so. Bei jedem Zwischenhalt gibt es Heringssalat; das wird wahrscheinlich so gehen, bis die Nordsee keinen Hering mehr kennt. Wenn die Chauffeure auf der Toilette waren, müssen sie an möglichst vielen Gartentüren silberfarbene Schilder mit dem in Schwarz gehaltenen Schriftzug „Warnung vor dem Hunde“ anbringen. Die Konrad Adenauers bekunden bei den langen Überlandfahrten oft ihre Ansicht, dass der Kommunismus wieder überall lauern sollte, damit das Leben einen Sinn hat. Die homosexuellen Chauffeurpaare im Fonds, in der Mehrzahl von Moskau ferngesteuert, werten diese Meinungsäußerungen der Adenauers als Bestätigung ihrer politischen Ausrichtung. Im Radio läuft Jatzmusik vom Zeitzeichsender DCF77 in Mainflingen. Die Fahrt geht zur Lüneburger Heide, obwohl die den Adenauers zu flach ist. Die Adenauers, die Chauffeure und einige wenige Rosemarie Nitribitts versammeln sich dort in einem großen Schwarm, um sich zu räuspern, während die Mercedesse in der Sonne knistern und knacken. Die Organisation Gehlen ist nicht präsent, ich wiederhole, nicht präsent, wohl aber das Historische Forschungsinstitut Wiesbaden und eine bisher unbekannte Organisation Gellen. Dadurch läuft auch bei der Siegerehrung alles wie am Schnürchen.

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Ich bin Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Meine
Biographie ist langweilig, mein Leben ist es nicht.


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Die Arbeit an Homepages habe ich immer sehr mühsam gefunden.