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Éducation sentimentale

Das Riesnliesl ist für sein Alter eher klein. Wenn seine Beine vom Himmel herabragen, dann nicht aus allzu großer Höhe. Es vermeidet in letzter Zeit das Stampfen, dadurch weniger zertrümmerte Dörfer. Als es eine richtige Plage war, hat es viel mehr Menschen gegessen. Nur noch hier und da erwischt es einen Spaziergänger oder einen Jäger, und dann fallen wieder abgenagte Knochen herunter. Ein großes Problem bleibt der Gesang des Riesnliesls. In der richtigen Stimmung muss es übers ganze Land hinblöken, aber was ihm selbst vielleicht wie Kunst vorkommt, hört sich für Menschen nur wie die Äußerungen geisteskranker Blauwale an. Wer das eine Zeit lang hat mitanhören müssen, trifft radikale Lebensentscheidungen oder verfällt der Schwermut. Es gibt immer wieder Versuche, dem Riesnliesl klar zu machen, dass sein Gesang der Wirtschaft schadet. Tollkühne Alpinisten haben sogar versucht, an ihm hochzuklettern, Kontakt herzustellen, Verhandlungen aufzunehmen, aber sie kamen alle in Knochenform zurück. Danach wurde jeweils wieder mehr gestampft, und deswegen lässt man solche Expeditionen jetzt bleiben. Die Parole lautet heutzutage: Wer leben will, muss mit dem Riesnliesl leben und mit seinem Gesang auch. Ein großes Rätsel ist sein Schlaf. Immer wieder behaupten Luftschiffer und Flugzeugpiloten, dass sie gesehen haben, wie das Riesnliesl waagerecht in der Luft liegt und schläft, mitten zwischen Wolken. Aber bisher gibt es für solche Berichte keine unabhängige Bestätigung.

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Ich bin Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Meine
Biographie ist langweilig, mein Leben ist es nicht.

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Die Arbeit an Homepages habe ich immer sehr mühsam gefunden.