Causerien über dem Abgrund

Zu den Auslassungen Martin Walsers am 11.10.1998 in Frankfurt


1.
Martin Walser hat eine Rede gehalten. Das soll vorkommen. Letztes Jahr hat Günter Grass eine Rede gehalten, dieses Jahr Martin Walser. Man kann das nicht verhindern. Die Fürsten laden die Fürsten, und es gibt eine Rede. Wenn der Pulverdampf sich verzogen hat, sieht man mal hinein. In der Ruhe nach dem Sturm.


2.
Der Pulverdampf verzieht sich nicht. Da und dort Scharmützel, noch Monate danach. Les ich das? Sag ich was? Um mitzutrampeln auf der grünen Wiese? Wenn die Schreiber reden, reden sie manchmal Blech. Und möchte man bei Walser wirklich künstlich überrascht sein? Ein Autor, und stolz ist er auch noch drauf, der 1977 meinte, er könne auf den Osten Deutschlands nicht verzichten, als sei das sein Privateigentum? Dem über dem albernen und kranken Gehacke in der DDR der Grund dafür entfiel, warum Deutschland geteilt wurde? Der in den frühen Neunzigern die unsägliche Anthroposophie und ihre ebenso unsägliche Pädagogik unter der Überschrift "Waldorf-Demokratie" verteidigte; eine Überschrift, die selbst bei oberflächlicher Kenntnis der Steinerschen Schriften und der anthroposophischen Realität einen Widerspruch in sich darstellt? Überrascht sein von Walser, der anlässlich einer antisemitischen Friedhofsschändung die groteske Einschätzung ablieferte, dass 99,9 Prozent der Deutschen solches Treiben ablehnten? Wen konnte es eigentlich groß überraschen? Im Laufe eines langen Schriftstellerlebens kann ein Haufen Geschwätz zusammenkommen. Hat es damit sein Bewenden? Bubis sagt: Der Walser wie die Nazis. Jelinek sagt: Ich bin empört. Harpprecht sagt: Schwäbische Vertrotztheit. Jens sagt: Gut gegeben. Breinersdorfer sagt: Weiter so. Ja was denn nun.


3.
Man findet die Rede im Internet. Kaum habe ich mit der Lektüre begonnen, verursacht sie mir Unbehagen, und das Unbehagen steigert sich von Satz zu Satz. Das geheime Hauptwort dieser Rede ist "ich". Der erste emotionale Eindruck ist der einer alles durchdringenden Eitelkeit. Das unerhört weite Feld, das die Rede sich zumisst, hat gerade noch eine Handbreit Erde frei für Fragen außerhalb dieses "Ichs". Diesen Ketzeracker belegt Walser zunächst mit dem Schicksal eines weithin unbekannten DDR-Spions, und danach, in direkter Konkurrenz dazu, mit Auschwitz. Ansonsten ist von privaten Befindlichkeiten, von Gewissen und Moral die Rede, als zitiere hier einer aus dem Poesiealbum. Die lässig aus dem Ohrensessel herausgeknödelten Bekenntnisse werden mit Heidegger- und Hegelzitaten veredelt, um ihnen vielleicht doch noch eine Wendung ins Allgemeingültige abzutrotzen. Nicht nur was Walser über Auschwitz zu sagen hat, sondern schon
wie er das Thema einführt, ist schier nicht zu ertragen. Er zittert vor Kühnheit, wenn er seine Lockungen hervorzirzt: Schlagt mich doch für das, was ich euch hier biete. Der Freiheitsdurst, den er sich selbst attestiert, führt dazu, dass ein inkommensurables Thema, das inkommensurable Thema überhaupt, als Kanonenfutter für einen Versuch missbraucht wird, unangenehm aufzufallen. Diese Rede ist nicht ein Appell, die sterilen Totentänze der Jahrestage gegen kluge Aufklärung über den Schrecken einzutauschen. Sie ist nicht ein kühnes Bekenntnis des empfindsamen Individuums, das sich dem Fraktions- und Gewissenszwang einer kalten Intellektuellenelite verweigern will. Sie ist nicht ein Denkmal der Ausgewogenheit zwischen Rebellion und Weisheit, Innerlichkeit und demokratischer Aufmüpfigkeit. Diese Rede ist eine Beleidigung. Sie ist der Bubenstreich eines in Ehren ergrauten Senioren, der noch einmal Rebell sein will; diesmal, frei nach Adorno, um mit dem Stachel zu löcken. Walser verhält sich wie ein Jugendlicher, der nachts um zwölf den Mofamotor noch einmal tüchtig aufheulen lässt. Dass er dazu Auschwitz missbraucht, macht seine Rede zu einer Monstrosität. Es ist mir schon sehr peinlich, einen beinahe vierzig Jahre älteren Menschen an die Grenzen der Eitelkeit zu erinnern. Eitelkeit ist das tägliche Brot des Künstlers. Ohne sie macht er keinen Finger krumm. Aber es gibt Dinge, die man nicht tut. Man verwurstet nicht Auschwitz und das im Vergleich dazu winzige Schicksal eines verknasteten DDR-Spions zu einem kleinen Kitzel für eine Sonntagsrede. Diese Rede ist, so wie sie dasteht, die Monumentalisierung einer Schande. Der ganz privaten Schande Martin Walsers, zwischen Äpfeln und Birnen nicht unterscheiden zu können.


4.
Martin Walser will von Auschwitz nichts mehr wissen. Sehe ich mir jede Dokumentation dazu an, die das Fernsehen ausstrahlt? Lese ich jedes Buch zum Thema? Ganz bestimmt nicht. Eine Totalamputation des Themas stellt aber einen Missbrauch der menschlichen Fähigkeit zum Verdrängen dar, die Walser so lobt. Hat er wirklich vergessen, dass sich die Verdrängung, konsequent durchgeführt, zur Neurose betoniert? Ist er sich überhaupt klar darüber, dass er damit seine eigene Rede als neurotisches Produkt abqualifiziert? Wie weit muss die Verdrängung schon gediehen sein, wenn Walser in
einer Rede für die Verdrängung des Schreckens plädiert und den Heidegger von "Sein und Zeit" zitiert, der sich in gespenstischer Generalabsolution seine Haltung zum Nationalsozialismus verzeiht, bevor er sie noch öffentlich eingenommen hat? Vielleicht muss noch einmal aus einer anderen Rede, aus der sogenannten "Rektoratsrede" Martin Heideggers zitiert werden, um klar zu machen, was ich hier meine:

"Die Übernahme des Rektorats ist die Verpflichtung zur geistigen Führung dieser hohen Schule. Die Gefolgschaft der Lehrer und Schüler erwacht und erstarkt allein aus der wahrhaften und gemeinsamen Verwurzelung im Wesen der deutschen Universität. Dieses Wesen aber kommt erst zu Klarheit, Rang und Macht, wenn zuförderst die Führer selbst Geführte sind - geführt von der Unerbittlichkeit jenes geistigen Auftrags, der das Schicksal des deutschen Volkes in das Gepräge seiner Geschichte zwingt. (...) Wir wollen, daß unser Volk seinen geschichtlichen Auftrag erfüllt. Wir wollen uns selbst. Denn die junge und jüngste Kraft des Volkes, die über uns hinweggreift, hat darüber bereits entschieden. Die Herrlichkeit und Größe dieses Aufbruchs verstehen wir dann erst ganz, wenn wir in uns in jene weite und tiefe Besonnenheit tragen, aus der die alte griechische Weisheit das Wort gesprochen: "Alles Große steht im Sturm."

(Martin Heidegger zur Übernahme des Rektorats der Freiburger Universität am 27. Mai 1933, zitiert nach Christian Graf von Krockow, "1922 - Bücher im Feuer: Selbstzerstörung des Geistes", in: Spektrum der Wissenschaft Mai 5/1983, S. 60 bis 69)

Wir sind also, nach Walser, eine ganz normale Nation. Ich weiß nicht, was eine ganz normale Nation ist, aber die Gewährsleute Walsers selbst denunzieren seine Idee von Normalität als ein Unding.

Angesichts der Walserschen Rede wünscht man sich beinahe, der absurde Busparkplatz mit angeschlossenem Mahnmal, den Kohl sich für Berlin gewünscht hat, würde gebaut. Aber nur weil Walser dagegen ist, muss man jetzt nicht dafür sein.


5.
Mein Standpunkt zum Nationalsozialismus ist ein Luxusstandpunkt. Da ich mich des Terrors nicht erwehren musste, ist mein Mut gratis. Es wird immer viel geredet, aber denen, die Hilfe wirklich nötig haben, hilft das selten. Das reale Leiden der Opfer von damals und heute lässt die Idee von einem zentralen Mahnmal in Berlin wie das Konzept für eine gigantische Sonntagsrede in Stein wirken. Was nützlich wäre? Bei einigen Gedenkstätten, dort, wo der NS-Terror wirklich stattfand, weiß man nicht, wie man die Löcher in den Dächern stopfen soll. Es gibt noch genügend Überlebende des Holocaust, die bisher keine Mark zur wie immer unmöglichen Entschädigung für ihre Leiden erhalten haben. Viele von ihnen sind sehr alt. Die Zeit drängt. Und die Massaker von heute? medico international zum Beispiel versucht zu helfen. Wieviele der Flüchtlinge in der BRD bräuchten medizinische und psychosoziale Unterstützung aufgrund der Schmerzen, die ihnen in ihren Heimatländern zugefügt worden sind? Wieviele Zentren und Praxen gibt es in der BRD, die Folterschäden überwinden helfen? Spenden sammeln als politische Arbeit? Wenn Geld reale Hilfe bedeutet: ja. Was Walsers Rede angeht: Sie wäre besser nicht gehalten worden. Da sie ihre Rolle in der Tagespolitik schon gespielt hat; da sie schon zur genehmen Munition für die extreme Rechte im Kampf um die Verdrängung des nationalsozialistischen Terrors geworden ist, muss das leider ein frommer Wunsch bleiben.


Marcus Hammerschmitt, 1998