Der neue Faschismus


[Anmerkung: Dieser Text ist die leicht veränderte und erweiterte Version eines Artikels mit dem gleichen Titel, der 2019 im Online-Magazin Telepolis
erschien.]


1) Der neue Faschismus versteht sich als Abwehrkampf gegen Entwicklungen, die längst stattgefunden haben. Darin ist er insofern authentisch, als die positiven Entwicklungen authentisch sind, die er bekämpft.

2) Der neue Faschismus lebt in finanzieller und emotionaler Hinsicht von der Sympathie bürgerlicher Ehrenleute. Dass Olaf Henkel und Bernd Lucke keine Faschisten sind, sagt in dieser Hinsicht viel: Sie brachten dennoch die erfolgreichste faschistische Partei in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Weg. Sie legten die Behelfsbrücke, über die die Truppen marschieren wollen. Als Friedrich Merz die CDU eine "AfD mit Substanz" nannte und als die Millionärin Sahra Wagenknecht eine traditionssozialistisch lackierte AfD aus der Taufe hob, taten sie genau das: Sie leisteten Schützenhilfe für die Truppen.

3) Weil das große, das mittlere und das kleine Bürgertum seine Interessen von der Polizei, den Geheimdiensten und der Bundeswehr beschützt sehen will (daher auch die ständigen Klagen über ihre mangelnde Schlagkraft), kann es die schleichende Übernahme der Organe durch Faschisten nicht einordnen. Die "Verirrten", die Leichensäcke bestellen und Zehntausende Schuss Munition horten, die schwarzen Schafe, die nach und nach wie durch Zauber ganze Herden dunkel färben, die Seilschaften in den Geheimdiensten, die ihre Beobachtungsobjekte erst hochpäppeln und dann um jeden Preis schützen – sie alle bleiben auf diese Weise im hellen Tageslicht unsichtbar.

4) Von der Dummheit des neuen Faschismus und von der Verrohung der Gesellschaft reden ist leicht. Aber beides musste vorbereitet und genährt werden. Das neue Theater der Grausamkeit hatte eine Bauzeit. Ohne das hyperzynische Gehampel des Privatfernsehens und ohne Talkshows, in denen die Barbarei als Option diskutiert wurde, hätte dieses Theater keine Bühne. Der Arbeits- und Ehrbarkeitsfetisch des neuen faschistischen Kleinbürgers dröhnte schon aus „Richterin Barbara Salesch“ hervor. Ohne Anne Will keine Alice Weidel.

5) Der Faschismus ist vieles, aber er ist nach Christoph Spehr auch eine Kultur. Je deutlicher wird, dass er ein integraler Bestandteil der deutschen Kultur ist, desto wichtiger wird Goethe. In der Dresdner Frauenkirche ist es so sauber, weil nichts an die Ruine erinnern soll, die sie zu Recht einmal war. Dass der Fundus des Berliner „Humboldt-Forums“ prallvoll mit Raubkunst aus aller Welt ist, macht das goldene Kreuz auf seinem Dach nötig.

6) Wie ihre Vorbilder sind die neuen Faschisten gerührt über ihre Großzügigkeit, wenn sie die Opferlisten nicht sofort abarbeiten. Ihr Augenmaß beweist es: Sie wollen keine Unmenschen sein. Kurz nach der Großzügigkeit setzt der Sachzwang oder die Mordlust ein, whichever comes first.

7) Ohne die Feingeister, die dem Publikum erklären, dass das Hakenkreuz ja zunächst ein indisches Glückssymbol war, wollen auch die neuen Faschisten nicht auskommen. Zwar soll auch jetzt gehobelt werden, damit Späne fallen. Mit der linksgrün versifften Kultur soll es zu Ende gehen. Aber Kultur hat viele Gesichter, auch solche, bei denen die neuen Faschisten ihre Revolver nicht entsichern müssen. Kennen Sie Wagner? Wussten Sie, dass das Hakenkreuz ursprünglich ein indisches Glückssymbol war? Vor der Machtergreifung dürfen die Feingeister sogar jeder Partei angehören.

8) Der neue deutsche Faschist ist auch ein verfolgter Jude, weil er keine Autos mehr fahren darf, die bestimmte Abgasnormen nicht einhalten. Die Gutbürgerlichen sind vernünftiger; sie würden sich durch ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen nur entmännlicht fühlen.

9) Ohne den neuen Faschismus können die anständigen Bürger die gute alte Zeit nicht als eine feiern, in der das Grundgesetz noch in Ehren gehalten wurde.

10) Am neuen Faschismus ist alles alt, sogar die Hinwendung zu den neuen Medien.

11) Die Angst vor der Rache für 500 Jahre Kolonialismus formulieren die neuen Faschisten als Wahnphantasie vom „großen Austausch“. Das ist die einzige Spur von schlechtem Gewissen, die sich bei ihnen finden lässt. Sie kann nur mit Blut weggespült werden.

12) Indem sie ekstatisch „Absaufen, absaufen!“ brüllten, banden sie wiederum ihre Lust an den Mord.

13) Die neuen Faschisten wollen die denkbaren Kriege um Öl, Wasser, Lithium schneller. Sie haben Leichenhunger. Die Verwirrung über die Tatsache, dass Faschisten auf beiden Seiten im Ukrainekrieg kämpfen, ist schnell geklärt, wenn man sich klar macht, dass die einen für den neuen gesamtrussischen Faschismus kämpfen, die anderen für den ihrer eigenen Gruppe. Phasen des beschleunigten Untergangs sind immer Phasen der faschistischen Ekstase. Letztendlich wollen sie durch apokalyptische Landschaften gehen, die von der Zivilisation ganz gereinigt wurden. Ob dazu Wagner aufspielt oder eine Nazi-Metal-Band, ist Geschmackssache.

14) Machtkämpfe in den Parteien der Faschisten sind niemals ein Grund zur Hoffnung. Der Sozialdarwinismus ist hier erst recht das absolute Gebot. Die Meute lässt sich immer von den größten Verbrechern beeindrucken, und die Gemäßigten sehen danach aus, als hätten sie die eigene Gesinnung nicht verstanden. Ihre Splitterparteien dürfen bis zur Machtergreifung bestehen bleiben.

15) Ewiges Vorbild Martin Luther: gegen Schwächere hetzen, dabei als Rebell posieren.

16) Das andere Deutschland gibt es immer noch nicht (H. Gremliza). Das ist das Problem an Parolen wie „Wir sind mehr“.

17) Alles, was schon immer da war, kommt zurück.

18) Die Stärke der autochthonen Deutschen: Man sucht sich zuerst im Ausland Vorbilder und geht dann mit der SS als Erster durchs Ziel.

19) Selbstverständlich hatte das Aufkommen dieser HJ-Frisuren („Undercut“ etc.) vor einigen Jahren die Funktion eines ästhetischen Türöffners, genau wie der rückwärtsgewandte Dirndl- und Lederhosenunfug. Wo Analphabetismus herrscht, ist der Look die Ideologie. Undiskutiert und unreflektiert wird sie auch von denen gefördert, die sie nicht aktiv unterstützen, sondern nur den Look annehmen.

20) Dass Faschismus keine Meinung ist, sondern ein Verbrechen, zeigt sich an den Meinungen der Faschisten zu ihren Verbrechen. Die vergangene Unschuld schließt die zukünftige mit ein.

21) Die komplette Empathielosigkeit, die Professionalität, mit der nach dem 7.10.2023 das größte antisemitische Massaker seit dem Holocaust hingenommen, konsumiert, kommentiert wurde, kann nur eines bedeuten: All die "Erinnerungsarbeit", der patentiert gute "Umgang mit der eigenen Geschichte", ihre "Aufarbeitung", das ganze Aussöhnungstheater – sie waren im Kern umsonst, was die Mehrheit der Deutschen angeht. Sie waren umsonst, oder sie dienten gerade der psychischen Selbstimmunisierung. Die Vergangenheit wurde überwältigt. Nun ist sie so abstrakt, so papierdünn geworden, dass die Enkel und Urenkel der Täter von ihren Bildschirmen aus fordern, die Juden Israels mögen doch bitte beim Ermordetwerden gelassen bleiben. Die da sollen sich mal nicht so haben. Hier wirkt sich eine spezifische, komplexe Kauterisierung des Empfindens aus, die den deutschen Faschismus erst möglich gemacht hat, und die eine solide Basis für seine mögliche Wiederkehr bietet. Deutschland ist dabei, sich über seine Stolpersteine in den nächsten Wahnsinn hineinzustolpern.




© Marcus Hammerschmitt, 2019-2023