Die heilige Hannah


Wie eine furchtbare Publizistin den Deutschen unentbehrlich wurde

Hannah Arendt war eine der größten Heuchlerinnen der deutschsprachigen Geistesgeschichte. Ihr geliebter Meister Heidegger, den sie Platon zur Seite stellen wollte – ertrunken in der braunen Suppe des Seins. Sie, als Publizistin radikal am Problem der Konkretion und schon an bloßen Beobachtungen gescheitert – Eichmann war nicht banal, und der Sinn von Politik war noch nie Freiheit. Wie ihr Götze war sie unfähig, entweder Soziologie zu betreiben, oder Systemphilosophie, oder Gedankenlyrik zu verfassen, und rührte ein Gebräu an, das gerne die Exkulpation genau dieses Götzen zum Ziel hatte. Ihre Rede zu seinem achtzigsten Geburtstag (1969) ruft mit all ihren kriecherischen Euphemismen fast noch mehr Fremdscham als die Freiburger Antrittsrede Heideggers von 1933 selbst hervor. Um sich in den Herzen der Deutschen einen festen Platz zu erkämpfen, nutzte sie einen nie versagenden Trick: Sie erzählte ihnen, was sie hören wollten – vor allem, dass sie trotz Auschwitz einen so großartigen Denker wie den Todtnauberger Holzwegförster hervorgebracht hatten.

Ihre unglaubliche Verlogenheit bei dem Versuch, Heidegger vom Nazismus reinzuwaschen, verdeutlicht das folgende Zitat aus der besagten Geburtstagsrede nur allzu gut:

"Nun wissen wir alle, dass auch Heidegger einmal der Versuchung nachgegeben hat, seinen Wohnsitz 'zu ändern und sich in die Welt der menschlichen Angelegenheiten einzuschalten' – wie man damals so sagte. Und was die Welt betrifft, so ist sie ihm noch um einiges schlechter bekommen als Plato, weil der Tyrann und seine Opfer sich nicht jenseits des Meeres, sondern im eigenen Lande befanden. Was ihn selbst anbelangt, so steht es, meine ich, anders. Er war noch jung genug, um aus dem Schock des Zusammenpralls, der ihn nach zehn kurzen hektischen Monaten vor 35 Jahren auf seinen angestammten Wohnsitz zurücktrieb, zu lernen und das Erfahrene in seinem Denken anzusiedeln."

Der schlimmste Nazi also, den die deutsche Philosophie je hervorgebracht hat – ein kurzzeitig Verirrter, der eilends wieder auf den Pfad der Tugend zurückfand. Das angesichts der Tatsache, dass Heidegger nicht nur von 1945 bis zum Zeitpunkt von Arendts Geburtstagseloge Ungeheuerliches zum Holocaust und zum Nationalsozialismus
abgelassen hat (ungeheuerliche Dinge, die Arendt mindestens aus ihrer Verwicklung in die Auseinandersetzung zwischen Heidegger und Karl Jaspers bekannt waren), sondern natürlich auch schon vor der Machtergreifung ein aktiver und bösartiger Rassist gewesen war (s. den Text von Rainer Marten: Ein rassistisches Konzept von Humanität). Wie tief Rassismus und Antisemitismus in seinem Denken verankert waren, ist nicht erst seit dem Bekanntwerden der Schwarzen Hefte offensichtlich – Rassismus und Antisemitismus waren für Heideggers Denken konstitutiv. Und Hannah Arendt war nach dem Krieg die effektivste Weißwäscherin und Apologetin für dieses Denken, die man sich vorstellen kann.

Man muss sich das einmal wirklich klarmachen: Sie hat später gegenüber Karl Jaspers zugegeben, Heidegger zu einem nichssagenden Entschuldigungsbriefchen an Jaspers gedrängt zu haben, mit dem er in der Nazizeit gebrochen hatte, weil der seine jüdische Frau nicht hatte aufgeben wollen. Und gleichzeitig schrieb Heidegger an Herbert Marcuse Sätze wie diese: "Zu den schweren berechtigten Vorwürfen, die Sie aussprechen 'über ein Regime, das Millionen von Juden umgebracht hat, das den Terror zum Normalzustand gemacht hat und alles, was ja wirklich mit dem Begriff Geist und Freiheit u. Wahrheit verbunden war, in sein Gegenteil verkehrt hat', kann ich nur hinzufügen, daß statt 'Juden' 'Ostdeutsche' zu stehen hat und dann genauso gilt für einen der Alliierten, mit dem Unterschied, daß alles, was seit 1945 geschieht, der Weltöffentlichkeit bekannt ist, während der blutige Terror der Nazis vor dem deutschen Volk tatsächlich geheimgehalten worden ist." Das war der Mann, den Hannah Arendt in einer Rede von 1969 als großen, in der Nazizeit kurzzeitig leicht verirrten Philosophen darstellte. Dessen Jargon sie in ihren eigenen Arbeiten (s. z.B. "Geburtlichkeit" in "Vita Activa") nachahmte.

Dabei war von ihrem eigenen, bösartigen Rassismus noch gar nicht die Rede, der sich, oh Wunder, sehr gut mit dem rassistischen Gedankengut Heideggers versteht. So finden sich in "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" Sätze wie diese:

"Der biblische Mythos von der Entstehung des Menschengeschlechts wurde auf eine sehr ernste Probe gestellt, als Europäer in Afrika und Australien zum ersten Male mit Menschen konfrontiert waren, die von sich aus ganz offenbar weder das, was wir menschliche Vernunft, noch was wir menschliche Empfindungen nennen, besaßen, die keinerlei Kultur, auch nicht eine primitive Kultur, hervorgebracht hatte, ja, kaum im Rahmen feststehender Volksgebräuche lebten und deren politische Organisation Formen, die wir auch aus dem tierischen Gemeinschaftsleben kennen, kaum überschritten. […] Hier, unter dem Zwang des Zusammenlebens mit schwarzen Stämmen, verlor die Idee der Menschheit und des gemeinsamen Ursprungs des Menschengeschlechts, wie die christlich-jüdische Tradition des Abendlandes sie lehrt, zum ersten Mal ihre zwingende Überzeugungskraft, und der Wunsch nach systematischer Ausrottung ganzer Rassen setzte sich um so stärker fest."

Nur zu gut passt dazu, was Hannah Arendt in "Reflections on Little Rock"
über Afroamerikaner zu sagen hat. Die abgefeimte Dialektik, mit der sie in diesem Text die Integration der Afroamerikaner in das Schulsystem der US-Südstaaten als Gefahr für die politische Einheit der USA zu portraitieren versucht, ist wirklich bemerkenswert. Wenn man nach einem Katalog von pseudophilosophischen "Argumenten" für die Begründung einer flexibilisierten und reflektierten Apartheid sucht: hier ist er.

Die totale Hörigkeit Arendts gegenüber Heidegger wird besonders deutlich, wenn man in Betracht zieht, wie sie mit seinen Kritikern verfuhr. Das ging bis dahin, dass sie im Zusammenhang mit Theodor W. Adorno
selbst zu astreiner Nazisprache griff. Dass sie Adorno nicht mochte, ist klar; hatte er doch im "Jargon der Eigentlichkeit" ihre Lieblingsgötterspeise (das Geschwafel Heideggers) als handelsübliches Gelatineprodukt demaskiert. Aber der geifernde Hass in den folgenden Sätzen zu Adorno ist dann doch schockierend:

"Außerdem: Ich kann es zwar nicht beweisen, bin aber ziemlich überzeugt, daß die eigentlichen Drahtzieher hier die Wiesengrund-Adorno-Leute in Frankfurt sind. Und das ist grotesk, umso mehr, als sich nun herausgestellt hat (die Studenten haben es entdeckt), daß Wiesengrund (Halbjude und einer der widerlichsten Menschen, die ich kenne) versucht hat, sich gleichzuschalten."

(Zitiert nach Hassan Givsan,
Eine bestürzende Geschichte, S. 122). Der Kontext: Mitte der Sechziger wurde trotz aller Ablenkungsmanöver langsam deutlich, was für eine Gestalt Heidegger wirklich war; unter anderem hatte er dieser "Entdeckung" Vorschub gegeben, indem er 1953 Vorlesungen aus dem Jahr 1935 noch einmal veröffentlicht hatte, die z.B. von der "inneren Größe und Wahrheit" des Nationalsozialismus redeten. Insbesondere wurde Arendt hier von einem Spiegel-Artikel im Februar 1966 in Rage versetzt. Schon die schaumgebremste Kritik in diesem Artikel brachte sie dazu, a) eine Verschwörungstheorie abzufeiern, die sie b) mit antisemitischem Vokabular anreicherte, was sie c) im Dienste und zur Reinwaschung eines Mannes tat, der zeitlebens ein glühender Antisemit war. Dass diese Äußerungen auch noch in einem Brief an Karl Jaspers fallen, der unmittelbar von Heideggers nachhaltiger Selbstgleichschaltung betroffen gewesen war, überschreitet die Grenze zum Bizarren.

Wo die Liebe hinfällt, fällt sie manchmal auf die Schnauze. Aber Hannah Arendt hat eben nicht die Tatsache akzeptiert, dass die Liebe ihres Lebens ein Nazi war. Die Romane z.B. Thomas Pynchons sind voll von Frauen, die unerträgliche Männer lieben, auch das Umgekehrte soll vorkommen. Hannah Arendt hätte sagen können: "Ich bin eine Jüdin, und die Liebe meines Lebens ist ein Nazi. Er denkt Unsinn, er schreibt Unsinn, er hat sich dem NS-Apparat zur Verfügung gestellt, und trotzdem liebe ich ihn. Schwer auszuhalten, aber das sind die Fakten." Tatsächlich hat sie etwas ganz anderes getan. Sie hat erstens mit all der ihr zur Verfügung stehenden Kraft sich und der Welt vorzumachen versucht, dass Heidegger kein Nazi war, und dadurch dazu beigetragen, die Wirkungsgeschichte dieses Mannes in der Philosophie höchst unheilvoll zu verlängern. Zweitens hat sie im Verlauf dieses Jahrzehnte andauernden Täuschungsmanövers selbst teilweise die antihumane Sicht ihres Liebsten angenommen (z.B. was Adorno, Schwarzafrikaner und Afroamerikaner angeht) und diese Antihumanität mit dem Gütesiegel einer durch die Nazis verfolgten Jüdin versehen. Drittens hat sie diese trübe, braune Seelen- und Gedankensoße auch noch mit der Glasur einer "Totalitarismustheorie" überzogen, für die sie bis heute als eine Denkerin der Freiheit gepriesen wird, während ihre persönliche und berufliche, ihre praktische und ihre theoretische Unfähigkeit zur Freiheit in krassem, unauflösbarem Widerspruch dazu stehen. 





© Marcus Hammerschmitt, 2017